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Zwischen Breslau und Wroclaw - Ein Flüchtlingskind erinnert sich

Waltraud Seidel: Zwischen Breslau und Wroclaw - Ein Flüchtlingskind erinnert sichAutor: Waltraud Seidel
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 68 Seiten
Verlag: epubli GmbH
Auflage: 1 (2014)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3737503488
Altersempfehlung: Ab 14 Jahre

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Klappentext:

Reisefreuden per Tischglobus,- Weltenbummler im Wohnzimmer,- ideal für die weniger Betuchten mit großer Reiselust. Eine Notlösung, ja, aber mit hohem Spaßfaktor.

Eine Zeigefinger-Überraschung ist jedes Mal das Reiseziel. Was haben wir so nicht schon alles erlebt, meine Enkeltochter und ich: Uluru, Taj Mahal, die weißen Petersburger Nächte oder die Feuerberge von Lanzarote und schließlich das wunderbar aufgebaute Wroclaw, das einstige Breslau, meine Geburtsstadt. Unvorstellbar für die Zehnjährige, weshalb die Oma aus dem polnischen Gebiet doch so gut deutsch spricht ...

Ja klar, weshalb wohl? Woher sollte das Kind das wissen? Ich muss es ihr erzählen!

Und sie erfährt vom großen Treck, vom schweren Überleben, vom endlichen Ankommen in einer neuen Heimat, von unvorstellbar schwerer Nachkriegszeit.

Jetzt weiß sie, wie Thüringen allmählich Omas zweite Heimat wurde und warum sie an dieser neuen Heimat so sehr hängt.

Über die Autorin Waltraud Seidel:

Waltraud Seidel (Autorin)Dr. Waltraud Seidel, 1942 in Breslau geboren, musste sie als Zweijährige infolge des Krieges aus der schlesischen Heimat flüchten. Das ostthüringische Altenburg wurde nach monatelangem Umherirren zu ihrer zweiten Heimat. Hier verlebte sie Kindheit und Schulzeit, die 1960 mit dem Abitur abschloss.

Vom ersten Schultag an wollte sie Lehrerin werden. An der Universität Leipzig studierte sie Germanistik und Slawistik. 1965 legte sie das Staatsexamen als Oberstufenlehrerin für Deutsch und Russisch ab. Nach Eheschließung und Geburt ihrer Tochter folgten Aspirantur und Tätigkeit als wissenschaftliche Assistentin an der Leipziger Universität. 1977 schließlich die Promotion zum Dr. paed. im Fachbereich Didaktik des Literaturunterrichts.

Bis 1990 lehrte sie als Dozentin für Literatur und Jugendliteratur am Institut für Lehrerbildung, nach 1990 an der Fachschule für Sozialpädagogik in Altenburg. Dann Schulbuchautorin für den Verlag Volk und Wissen /Cornelsen. Ergebnis: „Mein Lesebuch“ für die Klassen 6 bis 8, einschließlich der entsprechenden Unterrichtsmaterialien (Lehrerbände). Danach Tätigkeit als Gutachterin für Cornelsen.

Autobiografisches veröffentlichte sie in verschiedenen Anthologien. Praxisnähe und Freude am Lesen,- das war ihr erklärtes Ziel als Schulbuchautorin. Garant dafür war die Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern der entsprechenden Klassenstufe.

Und für einzelne Kinder, die neben dem Lesen auch ihren Spaß am Schreiben kleiner Geschichten entdeckten, war sie gern Mentorin für potentiellen Autoren-Nachwuchs.

Inzwischen gehören auch ihre beiden Enkeltöchter dazu. GESCHICHTENERZÄHLER von A bis Z bot jungen Schreibtalenten des Friedrich-Bödecker-Kreises eine Plattform.

Geschichten über Geschichten, geschrieben von den Schülerinnen Victoria Georgiadis, Valentina Georgiadis, Marlene Casagranda, Pauline Brommund, Sophie Minstedt, Livia Rühr und Pauline Weber.

Waltraud Seidel über die Ortsbezeichnungen "Breslau" und "Wroclaw":

Waltraud Seidel: Zwischen Breslau und Wroclaw - Ein Flüchtlingskind erinnert sichEs war im Jahre 1976. Im Sommerkurs für polnische Germanistik-Studenten der Krakauer Jagiellonen-Universität begegnete ich auf einer Abendveranstaltung einer jungen Kollegin der Universität in Wroclaw.

Ich sprach sie an, glücklich über die Möglichkeit, etwas mehr über meine Geburtsstadt zu erfahren, vor allem aus einer persönlichen und gegenwärtigen Sicht:

„Wie schön, Sie kommen aus Wroclaw. Es ist meine Heimatstadt, ich wurde dort geboren.“

Zunächst freundliches Stutzen, dann irgendwie unnahbar ihr Blick und erst recht ihre Antwort: „Ich – auch!“

Sprach’s, machte auf dem Absatz kehrt und ließ mich stehen.

Ich begriff nicht. Was hatte ich denn gesagt? Mein Kopf stand Kopf.

Mädchen, rief es in mir, ich will dir doch dein Wroclaw nicht weg-nehmen! Versteh mich doch! Aber lass du mir mein Breslau!

Kaum eine Minute dauerte diese Begegnung. Jahrzehnte liegen dazwischen. Aber sie ist sofort gegenwärtig, sobald ich mich erinnere an meine erste Heimat.

Leseproben aus dem Buch  "Zwischen Breslau und Wroclaw":

Die Tränen meiner Mutter

Waltraud Seidel: Zwischen Breslau und Wroclaw - Ein Flüchtlingskind erinnert sichRentnermorgen. Zeitlos der Blick in den erwachenden Tag.

Aus blassgrüner Wiese steigt Nebel auf, milchig-weiß. Der Nebelschleier gibt  die Baumspitzen frei. Autolichter bewegen sich auf das Haus zu, helle, breiter werdende Streifen.

Da die Kurve, - Wellen aus Licht. Sie wendet sich vom Fenster ab,  Erinnerungswellen … : „Wo die Nordseewellen...“. summt es in ihr. 

Tränen steigen auf, füllen ihre Augen, laufen...  Es sind die Tränen ihrer Mutter. Die Nordseewellen-Melodie hat für sie nur Mutters Text, ein Text ganz ohne Nordsee. Mutter sang ihn anfangs oft, später seltener, immer aber unter vielen Tränen.

Das Lied hatte mehrere Strophen, nur die erste blieb ihr im Gedächtnis. Der folgende Text  ertrank in Tränen, versank im Summen der Melodie:

„Wo die Oder durch die Hauptstadt Breslau fließt,
 wo der Schutt in hohen Trümmerhaufen liegt,
 wo so viel Ruinen stehen Stein auf Stein,
 da ist meine Heimat, da stand einst mein Heim.“
„Mutti“, hört sie sich sagen: „Jetzt sind wir doch hier zu Hause.“

Zu Hause, das war für die Siebenjährige die kleine Wohnung, die der Tischlermeister-Vater nach Rückkehr aus der Gefangenschaft für seine Familie hier im Thüringischen ausbauen durfte. Zu Hause, das waren die Schulfreundinnen, mit denen sie an den Nachmittagen auf der Straße spielte und im Winter im Park Schlitten fuhr.

Sie war angekommen in diesem neuen Zuhause. Die Heimat Breslau kannte sie nur vom Hörensagen. Zweieinhalb Jahre alt war sie, damals im Januar 1945, als sie im Kinderwagen mit einem kleinen Köfferchen obendrauf  auf offenem Treck  Mutters geliebtes Schlesien verlassen mussten.

Glück im Unglück:  Sie wurden nicht von der Mutter getrennt, sie und der große Bruder, der Große, der fünf Jahre zählte. Er wurde noch in Trebnitz geboren. Im Kloster der Heiligen Hedwig.

„Hinter dem Fenster da oben, da ist er zur Welt gekommen, Ihr Bruder. Dort war unser Entbindungsraum.“  

Sie hört sie noch heute, die Worte der Trebnitzer Nonne, die sie durch den Klostergarten geführt hatte. Sie wollte Blumen niederlegen an den Gräbern des Großvaters und dessen Schwester. Der Tod hatte sie schneller erreicht als die Post ihrer Eltern, die sie zu sich holen wollten ins Thüringische. Nun lagen beide begraben im heimatlichen, von Klosterschwestern wohlgepflegten Massengrab.

Bündig, Paul, - die fromme Schwester führte sie an einem der langen Erdhügel entlang, zählte die Schritte ab: „Hier, hier liegt er, - alles exakt aufgeschrieben, nu ja, deutsche Gründlichkeit.“

Nur wenige Schritte weiter hielt sie erneut an: „Und hier die Ida, nur ein paar Tage später verstorben.“ Sie legte die Blümchen ab, ein Gruß der Enkeltochter.

Sie hatte ihn nie bewusst erlebt, den Großvater.  Für sie war das der Mann mit der Lederschürze auf einem vergilbten alten Familienfoto ...

"Dafür sprichst du aber gut deutsch":

Ein kleiner Schubs und der Globus kreiselt, erst schnell, allmählich langsamer, bis der kleine ausgestreckte Zeigefinger die Tour beendet. Zwei Augenpaare schauen gespannt auf den ausgewählten geografischen Punkt.

„Polen“, sagt die Neunjährige. „Westpolen“, ergänzt die Oma, „früher Schlesien. Schau genau hin, von hier kommt deine Oma, hier wurde ich geboren.“

Ungläubig schaut sie mich an: „Von da kommst du?“ Und dann die Worte, die mich seither nicht mehr loslassen: „Dafür sprichst du aber gut deutsch, Oma.“

Anerkennung schwingt mit in ihrem Lob. Ich bin geschockt. Seit langem schon gehen wir zwei per Tisch-Globus auf  Reisen, das Reiseziel ist jedes Mal eine Zeigefinger-Überraschung: Welten-bummler im Wohnzimmer - eine Notlösung für weniger Begüterte mit großer Reiselust.

Aber eine Lösung  mit hohem Spaßfaktor. Zuerst erzählt jeder, was er über das Reiseziel weiß, dann wird das Lexikon zu Rate gezogen und nicht zuletzt die ausschweifende, farbenprächtige Phantasie. 

Was haben wir so nicht alles schon erlebt?!  Die hellen Sommernächte mit der faszinierenden Mitternachtssonne am Nordkap von Norwegen und zeitgleich, das schafft keine Reisegruppe, das Leuchten des Nordlichtes der Wintertage. 

 Wir erlebten das Farbenspiel am Uluru, dem Heiligtum der australischen Aborigines. Wir waren fasziniert von Indien, dem Land der Maharadschas mit den farbenprächtigsten Palästen und seinen bunten Basaren, vom märchenhaften Grabmal in Agra, dem Taj Mahal.

Und bei den Feuerbergen von Lanzarote konnten wir sogar mit eigenen Fotos von gemeinsamen Reiseerlebnissen zehren. Da „reise“ ich mit meiner Enkeltochter durch die halbe Welt, und nun das! 

„Gut deutsch? Kind, das ist doch meine Muttersprache. Da, schau her! Das alte vergilbte Foto dort! Was meinst du, warum das noch hier ist? Das war einst mein Zuhause in Trebnitz, einer kleinen Stadt  in Schlesien.“  

Waltraud Seidel: Zwischen Breslau und Wroclaw - Ein Flüchtlingskind erinnert sichVor dem Haus mit zwei Schaufenstern ein bärtiger Mann mit langer Arbeitsschürze. Aus lustig blinzelnden Augen blickt er uns an, daneben ein kleines Mädchen mit weißem Muff und weißer Pelz-mütze, vielleicht vier, vielleicht drei Jahre alt.

„Bist du das?“ Es klang zweifelnd, zaghaft.  „Nein, das ist meine Mama, deine Uroma. So alt ist das Foto schon. Da die Schrift über den Schaufenstern, lies vor“.
„PAUL BÜNDIGS SCHUHGESCHÄFT“ , fast andächtig klang das. „Deshalb baumeln die vielen Schuhe rund um die Eingangs-tür! Cool!“ ...

Waltraud Seidel: Zwischen Breslau und Wroclaw - Ein Flüchtlingskind erinnert sich

Eine Empfehlung zum Buch "Zwischen Breslau und Wroclaw":

Heute bildet Breslau das wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Zentrum Niederschlesiens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Breslau nach über 600 Jahren wieder polnisch. In seiner wechselvollen Geschichte hatte Breslau zu Böhmen, zu Ungarn sowie zu Österreich und Preußen gehört. Als am 6. Mai 1945 die „Festung Breslau“ fiel, fanden zwei Jahrhunderte preußischer und deutscher Stadtgeschichte ein jähes Ende.

Ein Problem dieser Stadt liegt schon bei der Nomenklatur. Sollte man heute Breslau oder Wrocław sagen? Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Stadt und die Begegnung mit der vertriebenen deutschen Minderheit scheinen zunächst heikel.

Die polnische Geschichtsschreibung ignorierte die Vorkriegsgeschichte der Stadt fast vollständig. Auf (west-)deutscher Seite beschäftigte man sich hingegen kaum mit der Nachkriegsgeschichte von Breslau. Der Generation der Enkel fällt es heute leichter, sich diesem schweren Thema anzunähern.

In ihrem Werk "Zwischen Breslau und Wroclaw" verarbeitet die in ihrer Kindheit von Flucht und Vertreibung betroffene Autorin Waltraud Seidel ihre Erlebnisse und Eindrücke in ergreifenden Erzählungen. Das Buch ist ein weiteres, sehr eindringliches Zeugnis dessen, was der ethnische Nationalismus europäischer Staaten an unermesslichem Leid und Elend zu verantworten hat: Mord, Vetreibung, Raub, Enteignung, Angst und Traumatisierung von vielen Millionen Menschen einer ganzen Generation. 

Dem Schicksal der Vertriebenen und den bis heute noch nicht ganz verheilten Wunden eines solchen Exodus hat dieses Buch, von einer Zeitzeugin geschrieben, ein Mahnmal gesetzt. 

Die Ereignisse werden aus der Sicht junger Menschen geschildert, weshalb ich dieses Buch sehr gerne auch als Klassenlektüre empfehlen möchte.

Die Aktualität der Geschichten liegt vor allem darin, dass heute in vielen europäischen Ländern eine Restauration des Nationalismus und angesichts der aktuellen Flüchtlingsbewegungen auch noch dazu ein Anstieg der Fremdenfeindlichkeit zu beobachten sind.

Eine wohlwollende Aufnahme von Vertriebenen und Hilfestellung durch die ansässige Bevölkerung fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unterstützen eine rasche Integration von Neuankömmlingen.

Dazu die Autorin Waltraud Seidel: "Wir haben dank der Mühen unserer Eltern und anderer hilfsbereiter Einheimischer unsere neue Heimat gefunden, die wir lieben, wie unsere Eltern ihr Schlesien liebten. Das sollten meine Enkel erkennen, für die Flucht und Vertreibung bislang nur trockener Unterrichtsstoff war."

Martin Urbanek


Waltraud Seidel: Geschichtenerzähler von A bis Z: Ein kleines Lexikon der Kinderbuchautoren

Waltraud Seidel: Geschichtenerzähler von A bis Z: Ein kleines Lexikon der KinderbuchautorenAutorin: Waltraud Seidel
Illustrator: Marian Kretschmer
Format: Gebunden
Seitenzahl: 80 Seiten
Verlag: edition zweihorn
Auflage: 1 (2015)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3943199291

Altersempfehlung: Ab 9 Jahren

 

Weitere INFOs zum Buch auf dieser Website >>>


Polen und seine Deutschen

Der Dokumentarfilmer Hans-Dieter Rutsch hat im ehemaligen Schlesien Menschen besucht, die sich nach 1989 als polnische Staatsbürger zu ihrer deutschen Herkunft bekennen, und solche, die als Deutsche nach Polen gegangen sind, um an die Geschichte der eigenen Familie anzuknüpfen. Bis 1989 gab es laut offizieller Statistik gar keine Deutschen mehr in Polen. Dabei hatten immerhin fast zwei Millionen Deutsche 1946 unter dem Druck der drohenden Vertreibung die polnische Staatsbürgerschaft angenommen. So konnten sie in der Heimat bleiben, aber als Polen. Deutsche Sprache und Kultur wurden zu Zeiten des Kalten Krieges mit wenigen Ausnahmen rigoros unterdrückt. Auch deshalb verließen viele der Deutschen und Deutschstämmigen Polen als Spätaussiedler.

Veröffentlicht am 22.08.2014 Dauer: 43:46

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