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Warum ich noch immer an den Nikolaus glaube

Gerhard Roth: Warum ich noch immer an den Nikolaus glaube (Karina Verlag, 2017)Autor: Gerhard Roth
Format: Taschenbuch; 14,2 x 20,3 cm
Seitenanzahl: 100 Seiten
Verlag: Karina Verlag
Auflage: 1 (Oktober 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3961116676
Altersempfehlung: Ab 10 Jahre

 

 

 

 

 

 


Klappentext:

An den Nikolaus erinnert sich jeder, ob groß oder klein. Meistens ist er gut, manchmal ein bisschen polterig. Somit ist der erste Teil der Geschichten dem Erinnern der eigenen Kindheit gewidmet, und manch ein Erwachsener wird sich darin wiederfinden.

Der zweite Teil des Buches beinhaltet Geschichten über einen sehr modernen Nikolaus, der in der heutigen Zeit mit technischen Neuerungen aber auch mit seinen sehr menschlichen Schwächen zu kämpfen hat.

In den unterschiedlichen Geschichten findet jeder seinen persönlichen Nikolaus wieder.

Nikolauserzählungen für Große, die sich das Glauben und Wundern noch bewahrt haben.

Über den Autor Gerhard Roth:

Gerhard Roth (Autor)Gerhard Roth, Jahrgang 48, lebt in Hanau. Er ist Autor von Kurzgeschichten, Theaterstücken, Kinderbüchern und lyrischen Texten.

Seine bewegte Vita: Matrose, Bootsmann, Havarieinspektor, Finanzangestellter, Postangestellter und Intensivfachpfleger brachte ihn durch die vielfältigen Erfahrungen zum Schreiben. Die Technik dazu lernte er in Darmstadt und Frankfurt.

Er ist in verschiedenen Anthologien vertreten, veröffentlichte zahlreiche Bücher und präsentiert seine lyrischen Texte und Kurzgeschichten in vielen Lesungen.

Leseprobe aus dem Buch "Warum ich noch immer an den Nikolaus glaube":

DER HOLZBEINNIKOLAUS

Gerhard Roth: Warum ich noch immer an den Nikolaus glaube (Karina Verlag, 2017)Der Nikolaus humpelte. Sein linkes Bein stieß immer ein wenig früher auf den Boden als sein rechtes. Ich kannte mich mit Humpeln aus, weil sie Papa im Krieg das Bein abgeschossen hatten und er so ähnlich humpelte wie der Nikolaus.

Natürlich hatten wir Kinder immer Angst vor dem Nikolaus. Mit fünf Jahren hatte man oft Angst. Manchmal einfach nur so. Und man konnte nie so genau wissen, ob der Nikolaus nicht auch alles erfuhr, was wir übers Jahr hin so ausgefressen hatten. Und nicht nur, weil er so komisch ging.

Ob er auch wusste, dass ich im Sommer das Kläppchen des Hühnerstalls offen gelassen hatte? Meine Kinderaufgabe bestand darin, Anmachholz mit einer Art Machete zu spalten, die Briketts im Keller zu stapeln, die Eier aus dem Hühnerstall zu holen und abends dieses Kläppchen zu schließen, damit der Marder die Hühner nicht besuchen konnte. Und was dann alles passiert war!

Es war Spätsommer und abends noch so warm, dass die Stubenfliegen mit einem irrsinnigen Gebrumm gegen die Packpapierrollos flogen und die abendliche Spätsonne orange-farbene Streifen in das Schlafzimmer malte. Wenn man die Augen ganz fest schloss und mit den Zeigefingerkuppen auf die Lider drückte, konnte man hellgrüne, verspritzende Punkte mit einem langen, blauroten Schweif sehen. So stellte ich mir den unendlichen Himmel vor.

Von meinem Bett aus hörte ich die dunklen Stimmen der Erwachsenen unten im Hof, wie sie mit den Nachbarn sprachen und das Plopp der Bierflaschen, von denen jeder eine mitgebracht hatte. Die Stimmen hörten sich immer entfernter an. Irgendwann erklang eine Ziehharmonika und das Singen und Lachen hörten sich dann immer weiter entfernt wie unter Wasser an.

Durch ein Riesengeschrei im Hof und am Hühnerstall wurde ich mitten in der heißen Sommernacht geweckt und rannte über die Holztreppe nach unten. Opa saß auf einem kaputten Gartenstuhl, meine Eltern und die Nachbarn standen um ihn herum und einer hatte schon einen dicken Verband um Opas großen Fußzeh gewickelt. Irgendjemand flößte ihm Schnaps oder etwas Ähnliches ein. Es roch jedenfalls nach Alkohol.

Ein Marder war durch das kleine, viereckige Kläppchen in den Hühnerstall eingedrungen, hatte fünf Hühner massakriert und angelockt durch das schreckliche Gackern hatte Opa mit einer riesigen Autoreifenluftpumpe vor dem Kläppchen gestanden und darauf gewartet, dass der Marder heraus huschte, um ihm kräftig eins zu verpassen.

Aber der Marder war zu flink, Opa zu langsam und in der Aufregung hatte er sich mit einem gewaltigen Schwinger den großen Fußzeh zertrümmert. Und alle Nachbarn dachten, dass Opa überfallen worden wäre, weil er so laut geschrien hatte.

Ob der Nikolaus das mit dem offenen Hühnerkläppchen und so wusste? Jedenfalls brummte er mit einem ganz tiefen Bass, ob ich nach dem Brikettstapeln wohl immer meine Hände wasche. Ich saß auf Mutters Schoß und war erleichtert, weil ich meines kindlichen Wissens nach immer nach dem Brikettstapeln meine Hände gewaschen hatte. Jedenfalls hatte es auf dem Handtuch oft so ausgesehen. Vielleicht wusste er doch nicht alles.

Da kamen mir die ersten Zweifel. Der Nikolaus musste doch einfach alles wissen! Wozu war er dann der Nikolaus? Wenn nicht er, wer dann?

Anschließend fragte er mich, ob ich vielleicht einer der Lausejungs gewesen sei, die auf dem Gelände mit den Kriegsruinen die alte Gartenhütte angezündet hatten. Und woher ich die Streich-hölzer gehabt habe.

Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht, und es fiel mir siedend heiß ein, dass ich meinte, meine Ohren würden verbrennen. Meine Mutter sagte irgendetwas, und ich spürte ihre Stimme an ihrem Bauch.

Dann ging der Nikolaus zu seinem Sack, der ein wenig nach alten Kartoffeln roch. Da fiel etwas Erde auf den Holzfußboden heraus, und das hat mich schon ein bisschen verwundert, weil ich immer gedacht hatte, dass alles im Himmel immer blitzblank geputzt sei ...

Buchempfehlung:

Gerhard Roth: Warum ich noch immer an den Nikolaus glaube (Karina Verlag, 2017)Nikolaus von Myra lebte im 3. und 4. Jahrhundert in Kleinasien. Man schreibt ihm zu, zahlreiche Wunder vollbracht zu haben. Daher wurde er zu einem der bekanntesten Heiligen der Ostkirchen. Sein Gedenktag, der 6. Dezember, wird im gesamten Christentum mit zahlreichen Volksbräuchen begangen.

Mit seinem Nikolausbuch ist Gerhard Roth eine Sammlung von unterhaltsamen Geschichten über eine moralische Instanz gelungen, an die wir uns aus unserer Kindheit sehr gut erinnern können. Viele von uns verbinden mit dem Nikolaus Ängste, schlechtes Gewissen und eine Bilanz unserer Sünden und Verfehlungen, als stünden wir vor dem Jüngsten Gericht.

Gerhard Roths Nikolausfiguren erinnern zum einen an diese Autoritätsperson. Zum anderen bietet er auch Nikolauscharaktere an, die ihrerseits von Schwächen und Unzulänglichkeiten gekennzeichnet sind.

Somit überlässt er es den jungen und älteren Leser/innen, wie sie mit diesem alten Brauchtum und den eigenen Kindheitserfahrungen umgehen möchten. Die Quellen über den historischen Nikolaus sind tatsächlich so vage, dass man sich diese Freiheiten herausnehmen sollte. Außerdem: Feste sollen vor allem Freude bereiten und nicht primär Ängste erzeugen.

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