Übersicht über alle Beiträge

Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen - und was ich ihnen antworte

Hasnain Kazim: "Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte"Autor:  Hasnain Kazim
Format: Taschenbuch, E-Book
Seitenanzahl: 272 Seiten
Verlag: Penguin Verlag
Auflage: 1 (April 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3328102724
Altersempfehlung: Ab 14 Jahre

Hasnain Kazim auf Facebook >>>
 

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Wie man gekonnt auf Hassmails antwortet: Täglich bekommt Hasnain Kazim hasserfüllte Leserpost. Doch statt die Wutmails einfach wegzuklicken, hat er beschlossen zurückzuschreiben - schlagfertig, witzig und immer wieder überraschend.

Dieses ebenso unterhaltsame wie kluge Buch versammelt seine besten Schlagabtäusche mit den Karlheinzen dieser Welt und beweist, warum man den Hass, der im eigenen Postfach landet, nicht unkommentiert lassen sollte.

Denn, wie Hasnain Kazim schreibt: »Wenn wir schweigen, beginnen wir, den Hass zu akzeptieren. Also, reden wir!« ...

Über den Autor Hasnain Kazim:

Hasnain Kazim (Autor)Hasnain Niels Kazim  wurde 1974 als Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer in Oldenburg geboren. Als Journalist und Autor schreibt er seit 2004 für SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

Er lebte als Korrespondent im Ausland, u.a. in Islamabad, Istanbul und derzeit in Wien.

Hasnain Kazim ist Preisträger des CNN Journalist Awards 2009 in der Kategorie Online, erhielt 2015 den Medienpreis Goldener Kompass und erreichte bei der Wahl zum Politikjournalisten des Jahres 2016 des Medium Magazins den dritten Platz.

Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter zuletzt »Krisenstaat Türkei« (2017).

2014 wurde er wegen seiner Berichterstattung über das Grubenunglück von Soma von Anhängern des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan massiv angefeindet und erhielt Morddrohungen, woraufhin er die Türkei aus Sicherheitsgründen kurzfristig verließ.

Zusammen mit prominenten Journalisten las er bis 2015 bei der antirassistischen Leseshow "Hate Poetry" Schmäh- und Drohbriefe vor, mit denen er wegen seiner journalistischen Tätigkeit zuhauf belästigt wird.

Bei allem politischen und religiösen Extremismus, dem er bei seiner Arbeit begegnet, versucht er, auch das Schöne und Alltägliche zu beschreiben.

Leseprobe aus dem Buch "Post von Karlheinz":

Vom Umgang mit Hass im Posteingang

Hasnain Kazim: "Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte"Die ersten Briefe kamen Anfang der Neunzigerjahre. Schlichte weiße Umschläge, die Adresse mit Schreibmaschine getippt oder mit Kugelschreiber aufs Kuvert gekritzelt.

Manchmal standen dort nur mein Name und der Name des Dorfes, in dem ich lebte, wenn sich die Briefeschreiber nicht einmal die Mühe gemacht hatten, im Telefonbuch meine vollständige Anschrift herauszufinden. Es gab nur eine Familie Kazim in 2161 Hollern-Twielenfleth.

Ich war damals 17 Jahre alt. Die Zuschriften kamen, weil ich in einem Schülerartikel in einer überregionalen Tageszeitung einen Bundestagsabgeordneten kritisiert hatte, der mit seiner »Warnung vor einer Überfremdung Deutschlands durch Migranten« Schlagzeilen gemacht hatte.

Ich fühlte mich persönlich betroffen und warf ihm Stimmungsmache gegen Menschen mit anderer Hautfarbe vor. Insgesamt kamen sieben Briefe. Jeder einzelne war ein Schlag.

Die allesamt anonymen Verfasser forderten mich auf, ich möge Deutschland verlassen oder doch wenigstens schweigen und akzeptieren, dass ich als Ausländer nichts zu melden habe. Später wagte ich es, in diversen Zeitungen Übergriffe auf fremd aussehende Menschen zu kritisieren.

Die Stimmung in den Nachwendejahren war furchtbar, es brannten Flüchtlingsheime, es wurde Jagd auf Ausländer gemacht. Wieder kamen Briefe, diesmal aus Ostdeutschland. Ein Dutzend etwa.

Wieder hieß es, ich solle den Mund halten und am besten »zurück nach Pakistan« ziehen. Mich schockierten diese Zuschriften. Sie waren deutlich harscher formuliert, als ich es jetzt zusammenfassend wiedergebe. Aus ihnen sprachen Ablehnung, Hass, auch die Unfähigkeit, Kritik hinzunehmen oder mit sachlichen Argumenten gegenzuhalten.

Vor allem traf mich, dass sie allesamt nicht nur auf meine Kritik zielten, sondern auf mein Fremdsein. Ich, der »Ausländer«, habe gar nichts zu sagen! Damals schüchterten mich diese Briefe ein. Ich war ja noch ein Jugendlicher, ein Schüler, und hatte keine Übung im Dialog mit Rechtspopulisten und Rassisten.

Die Absender hätten beschreiben können, was genau sie an Migranten störte, was die Gründe für ihre ablehnende Haltung waren und weshalb ihrer Ansicht nach der Bundestagsabgeordnete recht hatte und nicht ich. Aber statt zu argumentieren, schrieben sie: »Ausländer raus!« und »Halt die Fresse, Kanake!«. Mein fremd klingender Name genügte ihnen als Rechtfertigung, verbal auf mich einzuprügeln.

Wenn heute von all dem Hass die Rede ist, der sich über Menschen ergießt, über Andersdenkende, Andersglaubende, Andersaussehende, Andersliebende, Anderslebende, dann klingt das oft so, als handele es sich um ein neues, erstaunliches Phänomen. Aber das ist nicht der Fall. Diesen Hass gab es schon immer. An Stammtischen, im privaten Kreis, in vertrauten Runden oder eben in anonym versandten Briefen.

Doch Hass in Briefform kostete Zeit und Geld: Man musste sich ein Blatt Papier besorgen, sich hinsetzen und schreiben, den Brief in einen Umschlag stecken, die richtige Adresse herausfinden und das Ganze dann auch noch frankieren, sprich: bezahlen, und zum Briefkasten bringen.

Diese Mühe wollten sich etliche Menschen nicht machen. Neu ist also nicht der Hass an sich, sondern wie und wie sehr man ihn zu spüren bekommt.

Die Kommunikation im Netz hat es leicht, vielleicht zu leicht gemacht, seiner Wut freien Lauf zu lassen. Eine Meinung ist heute schnell hingeschrieben, hingekotzt. Einfach ein paar Sätze runtergetippt, Grammatik und Rechtschreibung sind eh egal, das anonyme E-Mail-Postfach und der anonyme Account im Internetforum sind für solche Zwecke längst eingerichtet, klick und weg.

Nicht der Hass, die Wut, die Unanständigkeit sind den neuen Kommunikationswegen geschuldet, sondern die Flut. Sie trifft heute viel mehr Menschen als früher.

Doch auch in der Gesellschaft hat sich etwas verändert. Der Ton in der politischen Auseinandersetzung ist härter geworden, immer mehr Menschen, auch respektable Leute, fordern allen Ernstes eine »weitgehende Normalisierung der Rechten als Diskursteilnehmer«.

Menschenfeindliche Kommentare werden nicht etwa verurteilt, sondern immer häufiger als mutiger Tabubruch inszeniert. Immer offener und stolzer bekennt man sich zu Dingen, die früher unsagbar waren.

Geil, dass man jemandem mal so richtig die Meinung geigen kann, derb und ungeschönt, und niemand kann einem das verbieten! Endlich sagt’s mal jemand!

Wann diese Entwicklung eingesetzt hat, lässt sich nicht genau sagen, doch viele sehen in dem ehemaligen Bundesbanker und SPD-Politiker Thilo Sarrazin einen Wegbereiter der öffentlichen Verrohung ...

Zur gesamten Leseprobe bei Amazon >>>

Buchempfehlung zu "Post von Karlheinz":

"Hate Speech", Drohungen und Einschüchterungen gegen ganze Gruppen der Bevölkerung im Internet gehören leider mittlerweile zum Alltag. Es ist keine Schande mehr, rassistisch, fremdenfeindlich, menschenverachtend zu sein. Hier brechen Dämme des Anstands, die unsere Zivilisation im Laufe der Jahre mühsam errichtet hat, um ein friedliches Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und Interessen überhaupt erst zu ermöglichen.   

Im Gegenteil, diese Leute sind stolz darauf und werden dafür auch noch von vielen gefeiert. Viele zelebrieren diese neue Möglichkeit, ohne großen Aufwand und aus dem Bauch heraus zu beschimpfen, zu beleidigen und zu verleumden als ihr "Recht auf Meinungsfreiheit", die sie immer dann bedroht sehen, wenn Gesetzgeber bzw. Anbieter von Online-Diensten ihrem ungehemmten Treiben Einhalt gebieten wollen.

Diese "Meinungsfreiheit" wird ausgerechnet von extremistischen Kreisen und ihren Mitläufern ganz besonders eingefordert, die mit Pluralismus und konsensorientiertem, konstruktivem Diskurs am wenigsten am Hut haben.

In seinem Buch "Post von Karlheinz" präsentiert der renommierte Journalist Hasnain Kazim zahllose Beispiele von Hassschreiben, die er selbst in den letzten Jahren erhalten hat. In vielen Fällen hat er sich die Mühe gemacht, auf diese Post zu antworten. Die daraus entstandene Korrespondenz wird nach Sachthemen und nach Art und Verlauf der Konversation einer Systematik unterzogen und kommentiert.

Das absolut spannend zu lesende Werk regt zum angemessenen Umgang mit Hass im Posteingang bzw. in sozialen Medien an und analysiert das Phänomen in vielen seiner Facetten. Außerdem ist es ein klares Plädoyer dafür, zu kontern und Hass gegen sich selbst bzw. seine Mitmenschen nicht stillschweigend "auszusitzen".

Insofern ist dieses Buch auch ein Ansporn zum Widerstand und ein "Mutmachbuch" für Betroffene und Opfer von unsachlichen und hemmungslosen Verbalinjurien.

Angesichts der zunehmenden Verrohung von Umgangsformen in vielen Medien und der Aktualität des Themas, auch bei Jugendlichen, würde ich mich sehr freuen, wenn dieses ausgezeichnete Buch auch als Klassenlektüre an Schulen seine Verwendung finden könnte.

Martin Urbanek


G20-Gipfel: Hasnain Kazim im Interview zur
Rolle der Türkei am 08.07.2017:

Veröffentlicht am 08.07.2017; Dauer: 00:11:24

phoenix-Moderator Alfred Schier spricht mit Hasnain Kazim (Spiegel Online) über die Rolle von Recep Tayyip Erdoğan auf dem G20-Gipfel und die aktuelle Situation der Türkei.


Interview mit Hasnain Kazim über das Buch
"Krisenstaat Turkei":

Veröffentlicht am 13.01.2018; Dauer: 00:27:55

Krisenstaat Türkei: Wie ein Land in die Diktatur driftet:

Vor kurzem noch galt die Türkei als Staat, der West und Ost, Islam und Demokratie vereint, der Vorbild sein kann für die gesamte Region. Heute ist die Türkei ein Krisenstaat, der sich von inneren und äußeren Feinden bedroht sieht und in dem Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erheblich unter Druck geraten sind.

Rücksichtslos lässt Präsident Recep Tayyip Erdogan Andersgläubige und Andersdenkende verfolgen, immer heftiger provoziert er Konflikte mit Nachbarn und außenpolitischen Partnern, nicht zuletzt mit Deutschland.

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim hat miterlebt, wie sich die Türkei in den vergangenen Jahren radikalisierte. Er zeigt, wie explosiv die Situation im Land ist und was das Ende der Demokratie am Bosporus bedeutet – für die Türkei, für die Region und für Europa.

Teilen
Go to top