Übersicht über alle Beiträge

Das Mädchen mit dem Fingerhut

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem FingerhutAutor: Michael Köhlmeier
Format: Taschenbuch; HardcoverE-Book, Audio-CD
Seitenanzahl: 144 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Auflage: 2 (Januar 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3423146173
Altersempfehlung: Ab 14 Jahre, Erwachsene

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Irgendwo in einer großen Stadt, in Westeuropa. Ein kleines Mädchen kommt auf den Markt, hat Hunger. Sie versteht kein Wort der Sprache, die man hier spricht. Doch wenn jemand „Polizei“ sagt, beginnt sie zu schreien.

Woher sie kommt? Warum sie hier ist? Wie sie heißt? Sie weiß es nicht. Yiza, sagt sie, also heißt sie von nun an Yiza.

Als Yiza zwei Jungen trifft, die genauso alleine sind wie sie, tut sie sich mit ihnen zusammen. Sie kommen ins Heim und fliehen; sie brechen ein in ein leeres Haus, aber sie werden entdeckt.

Michael Köhlmeier erzählt von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens - ein Roman, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.

Über den Schriftsteller und Drehbuchautor Michael Köhlmeier:

Michael Köhlmeier (Autor)Michael Johannes Maria Köhlmeier wurde 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren.

Von 1970 bis 1976 studierte Michael Köhlmeier Politikwissenschaft und Germanistik in Marburg an der Lahn. 1976 schloss er das Studium mit einer Arbeit über den Austrofaschismus ab. Von 1977 bis 1980 betrieb er ein Zweitstudium der Mathematik und Philosophie in Gießen.

Bekannt wurde Köhlmeier in den 1970er Jahren mit Hörspielen im Österreichischen Rundfunk (Like Bob Dylan, Drei im Café spielen, Das Anhörungsverfahren) und mit kürzeren Prosatexten. 1972 gründete er zusammen mit dem Musiker Reinhold Bilgeri das Duo Bilgeri & Köhlmeier. Mit dem Lied Oho Vorarlberg verzeichnete das Duo 1973 einen Erfolg in Österreich.

Seit Anfang der 1980er Jahre ist ein umfangreiches Romanwerk entstanden, neben einer Vielzahl von kürzeren Texten und feuilletonistischen Beiträgen. Seine Romane sind zum Teil auch als Hörbücher erschienen, darunter Madalyn und Nachts um eins am Telefon.

Erfolgreich waren seine vom Radiosender Ö1 ausgestrahlten freien Nacherzählungen antiker Sagenstoffe und biblischer Geschichten, die später auch in CD-Editionen und als Bücher erschienen sind.

Von 2007 an wurde auf BR-alpha die 80-teilige Sendereihe Mythen - Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums ausgestrahlt, in welcher er griechische Sagen frei nacherzählte.

Ebenfalls 2007 wurde auf demselben Fernsehsender die 42 Folgen umfassende Serie "Köhlmeiers Märchen" gesendet.

Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Für die Gruppe Schellinski schreibt er seit 2004 Liedtexte in Vorarlberger Mundart. Von 2007 bis 2012 moderierte er regelmäßig die Diskussionssendung Club 2 auf ORF 2.

Michael Köhlmeier ist seit 1981 mit der Schriftstellerin Monika Helfer verheiratet. Ihre Tochter Paula Köhlmeier verunglückte 2003 im Alter von 21 Jahren tödlich. Das Geschehen arbeitete Köhlmeier in der 2008 erschienenen Erzählung "Idylle mit ertrinkendem Hund" auf.

Köhlmeier bezieht regelmäßig zu politischen Themen Stellung. So zeigte er im Jahr 2014 den damaligen FPÖ-Europaabgeordneten Andreas Mölzer wegen Verhetzung an. Im Jahr 2018 sorgte er für Schlagzeilen, als er im Parlament im Zuge eines Akts zum Gedenken von verfolgten Juden, die zum Zeitpunkt regierende FPÖ heftig für ihren zwiegespaltenen Umgang mit dem Antisemitismus kritisierte.

Michael Köhlmeier lebt als freier Schriftsteller in Hohenems und Wien.

Für seine Werke erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2017 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Rezension zum Buch "Das Mädchen mit dem Fingerhut"
in "ZEIT-ONLINE":

OHNE SPRACHE UNBEHAUST

Eine Parabel auf den Menschen als Flüchtling: Michael Köhlmeiers kunstvoll lakonischer Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut"

Ein Märchen von Michael Köhlmeier, das von der aktuellen Flüchtlingskrise erzählt. Einfühlend, anrührend. Das denkt man zwingend, wenn man den kleinen Roman nur flüchtig anschaut: den Titel, den Klappentext, die ersten Seiten.

Ob das gut gehen kann, fragt man sich besorgt. Und verweilt mit dem Blick beim melancholischen Mädchengesicht auf dem Umschlag. Und ob man das wirklich lesen will, gerade jetzt. Mit dem traumschön erfrierenden Andersen-Mädchen mit den Streichhölzern in der Erinnerung. Nun, es ist ein sehr kurzer Roman und der erwartete Empathiestress also nicht allzu lang.

Doch alles an diesen ersten Hinweisen zum Roman ist falsch. Er ist kein Märchen, er ist nicht sentimental, er handelt nicht von Flüchtlingskrisen. Der Text ist eher so etwas wie ein Exposé eines Romans, den später der episch weit ausholende, rhetorisch überschwängliche, opulente Welthaltigkeitserzählweltmeister Michael Köhlmeier, der Autor von Abendland und Die Abenteuer des Joel Spazierer, ausmalen könnte.

Und dieses Exposé gibt uns in kürzesten Sätzen eine schnelle Folge von Informationen über ein sechsjähriges Mädchen, das in eine Umgebung geraten ist, in der zunächst niemand seine Sprache spricht. Es steht stumm in einem Marktimbiss und wartet auf Essen.

Ein Onkel genannter Mann hat ihm ein einziges Wort mitgegeben: "Polizei". Wenn es das hört, soll es schreien, solange die Atemluft reicht. Das ist alles. Ein stummes Mädchen und ein Wort, das die Ordnungsmacht aufruft. Ein Exklusionsverhältnis ohne weitere Bestimmung.

Das Mädchen irrt mitten im Winter durch eine Großstadt, auf der Suche nach Nahrung und Wärme, halb Tier, halb Nomade, bis es gefangen und in ein Heim gebracht wird. Dort geschehen zwei Dinge gleichzeitig: Es trifft auf einen älteren Jungen und dessen jüngeren Freund, eltern- und obdachlos beide; der Große spricht die Sprache des Mädchens.

Und nun spricht das Mädchen selbst und bekommt einen Namen, Yiza. Mit den ersten sprachlichen Verstehensakten kommt ein soziales Verhalten in Gang, rudimentär, schwer und mit hoher Bindungskraft. Dieses Kindertrio macht sich gemeinsam auf den Überlebensweg, dringt in ein Wohnhaus ein und kuschelt sich nachts aneinander, die kleinste gesellschaftliche Gruppe, eine von verwahrlosten Kindern nachgebildete Familie.

Natürlich wollen wir gerührt sein. Doch der Erzähler, der ganz nah an der sprachlosen Welt des Mädchens bleibt, gibt dieser Rührung keine Nahrung. Er verkargt die Sprache, verknappt die Syntax, meidet die Metaphern, protokolliert mehr, als dass er fabuliert.

Der Polizeibericht ist nicht weit oder eben das Romanexposé. Solche Auslassungstechnik hat sich besonders in jüngster Zeit als beliebtes Erzählmittel gezeigt. Von Robert Seethalers Ein ganzes Leben bis zu Bov Bjergs Auerhaus.

Lakonismus als Programm. Wenn es gut gemacht ist, liegt das Fundament dafür in den Figuren der Handlung: dem ungebildeten Bergbub oder dem coolen Jugendlichen. Doch selten ist dieser Lakonismus so konsequent aus der infantilen, der sprachlos handelnden Figur heraus entwickelt worden wie bei Köhlmeier.

Das Drama des kommunikationsunfähigen Kindes in literarischen Kommunikationskürzeln. Die Erzählerstimme nahe am Verstummen.

Natürlich verhindert das die Rührung nicht, weil man lesend den leeren Raum mit Gefühlen füllt. Intensität mittels Aussparung, das ist die unerwartete Kleinkunst des Großepikers Köhlmeier ...

Hubert Winkels, 9. Juni 2016

Zum ganzen Beitrag >>>

Lesprobe aus dem Buch "Das Mädchen mit dem Fingerhut":

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem FingerhutDieser Mann war ihr Onkel. Sie wusste nicht, was das Wort bedeutet. Sie war sechs Jahre alt.

Er beugte sich zu ihr nieder und erklärte ihr ein letztes Mal, was nun folgen wird. Wieder hatte sie Mühe, ihn zu verstehen. Aber sie verstand ihn. Das eine oder andere sollte sie ihm nachsagen. Das tat sie.

Er gab ihr einen Schubs, als die Ampel grün war, und sie ging über den Zebrastreifen zum Markt. Sie blickte sich nicht um.

Er hatte gesagt, das dürfe sie nicht, sie solle schnell gehen. Sie ging schnell und schaute auf den Boden und hatte die Hände in den Taschen.

In der Gasse zwischen den Marktständen drückte sie sich an den Männern vorbei, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Den Kopf behielt sie gesenkt.

Die Männer richteten ihre Stände her, fegten, legten das Gemüse zurecht und das Obst, sie wichen ihr aus oder blieben stehen, um sie vorbei zu lassen. Und es wunderte sich keiner über sie. Genau so würde es geschehen, hatte der Onkel gesagt.

Es war früh am Morgen. Die Laternen brannten noch. Die Pfützen waren gefroren.

Sie hatte seit gestern Mittag nichts gegessen. Sie werde von Bogdan zu essen bekommen. Bogdan sei ein guter Mann. Auch wenn er mit ihr schimpfe, sei er doch ein guter Mann.

Erst werde er vielleicht mit ihr schimpfen, bald aber nicht mehr, und er werde nicht sehr mit ihr schimpfen. Sie solle nicht sagen, dass sie Hunger habe. Sie solle gar nichts sagen. Er werde ihr zu essen geben, und es werde besser sein als alles, was sie in ihrem Leben gegessen habe.

Im Laden stellte sie sich vor die Theke und verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte nichts. Sie schaute den Mann an, der hinter der Theke stand. Der Mann hinter der Theke ist Bogdan, hatte der Onkel gesagt.

Bogdan fragte, was sie wünsche. Sie antwortete nicht. Ob sie jemand geschickt habe, wer sie geschickt habe, ob sie jemanden suche, ob sie auf jemanden warte. Wie sie heiße. Wie er ihr helfen könne.

Sie gab keine Antwort. Er ließ sie.

Er holte Würste, Schinken, Käse und die Tiegel mit in Ol eingelegten Oliven, Artischocken, Zucchini und Melanzani aus dem Kühlraum und breitete die Sachen unter dem Glas der Theke aus.

Sie tat, was der Onkel gesagt hatte. Nichts. Sie stand nur da.

Bogdan schnitt Brot ab, belegte es mit Wurst und Käse, teilte es in Viertel. Er hob sie hoch und setzte sie auf einen der Barhocker an der Theke. Er schob den Teller vor sie hin, goss gelben Saft in ein Glas.

Der Onkel hatte gesagt, sie solle gierig essen. Sie aß, wie sie immer aß. Der Durst war größer als der Hunger.

Bogdan schenkte nach. Er fragte nicht mehr. Als sie gegessen und getrunken hatte, nahm er eine Tafel Schokolade aus einer Schublade und gab sie ihr.

Er sagte: jetzt musst du gehen. Sie sah ihn an und schwieg. Es fiel ihr leicht, ihn anzusehen und zu schweigen. Sie fürchtete sich nicht vor dem Mann ...

Ganze Lesprobe bei Amazon >>>


Leseschatz-TV: Michael Köhlmeier: „Das Mädchen mit dem Fingerhut“

Veröffentlicht am 11.01.2018; Dauer: 02:50

Hauke Harder bespricht Erlesenes. Das Buch liest sich wie ein poetisches modernes Märchen. So kommen auch neben der Prinzessin, Hexen und Ritter vor. Ein faszinierender Roman voller Menschlichkeit, Unmenschlichkeit und der kindlichen Kraft des Überlebens.


Michael Köhlmeier - Sagen der Antike:
Folge 1 - Orpheus

Veröffentlicht am 06.01.2017; Dauer: 13:37


Rede von Michael Köhlmeier am Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus, Freitag 4. Mai 2018

Veröffentlicht am 04.05.2018; Dauer: 06:46

Teilen
Go to top