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Fritz Bauer - oder Auschwitz vor Gericht

Ronen Steinke: Fritz Bauer - oder Auschwitz vor GerichtAutor: Ronen Steinke
Format: Taschenbuch; HardcoverE-Book
Seitenanzahl: 352 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch
Auflage: 1 (September 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3492307093
Altersempfehlung: Ab 14 Jahre, Erwachsene

 

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Fritz Bauer zwang die Deutschen zum Hinsehen: Inmitten einer Justiz, die in der jungen Bundesrepublik noch immer von braunen Seilschaften geprägt war, setzte er den großen Frankfurter Auschwitz-Prozess durch. Er kooperierte mit dem israelischen Geheimdienst, um Adolf Eichmann vor Gericht zu bringen.

Aber wer war der kämpferische Einzelgänger wirklich? Jetzt schreibt der Jurist und Journalist Ronen Steinke die Biografie des Mannes, der in der Nachkriegszeit angefeindet wurde wie kaum ein Zweiter, unter Verwendung zahlreicher bislang unbekannter Quellen.

»Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht«, das ist die Biografie eines großen Juristen und Humanisten, dessen persönliche Geschichte zum Politikum wurde. Und es ist die Biografie eines deutschen Juden, der selbst nur knapp der NS-Verfolgung entkam.

Über den Autor Ronen Steinke:

Ronen Steinke (Autor)Ronen Steinke wurde  1983 in Erlangen geboren. In Hamburg und Tokio studierte er Rechtswissenschaft und Kriminologie.
Danach arbeitete er in Anwaltskanzleien, einem Jugendgefängnis und am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien.

Seine Promotion über die »Entwicklung der Kriegsverbrechertribunale von Nürnberg bis Den Haag« wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als »Meisterstück« gelobt.

Für die Jüdische Allgemeine begleitete er den Demjanjuk-Prozess in München.

2011 kam er zur Süddeutschen Zeitung, zunächst als Redakteur im Ressort Außenpolitik mit Zuständigkeit für den Nahen Osten, dann als Korrespondent mit Sitz in Berlin für die Themen Nachrichtendienste und innere Sicherheit. Völkerrechtliche Themen und Prozesse gehören zu seinen Themenschwerpunkten.  

Im Wintersemester 2012/13 war Steinke Gastwissenschaftler am Fritz-Bauer-Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt am Main.

Wer war Generalstaatsanwalt Fritz Bauer?

Fritz Bauer (Generalstaatsanwalt)Fritz Bauer war ein deutscher Jurist. Als hessischer Generalstaatsanwalt setzte er sich in der Nachkriegszeit für die Verfolgung von NS-Verbrechen ein.

Bauer brachte die Frankfurter Auschwitz-Prozesse in Gang und war an der Ergreifung des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann beteiligt. Als „unbequemer Mahner“ gegen die Verdrängung der NS-Zeit nimmt er in der bundesrepublikanischen Justiz der Nachkriegszeit eine Außenseiterposition ein.

1903
16. Juli: Fritz Bauer wird in Stuttgart als Sohn liberal-jüdischer Eltern geboren. Sein Vater ist Textilgroßhändler. Bauer hat eine Schwester, Margot.
1912-1921
Bauer besucht das humanistische Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart.
1920
Bauer wird Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
1921-1928
Bauer beginnt ein Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Heidelberg. Weitere Stationen in seinem Studium sind München und Tübingen. 1927 wird er zum Dr. jur. promoviert bei Karl Geiler, dem späteren ersten Ministerpräsidenten Hessens. Im Februar 1928 legt Bauer seine große Staatsprüfung ab.
1928
Bauer wird Gerichtsassessor beim Amtsgericht Stuttgart.
1930
Bauer ist mit 26 Jahren jüngster Amtsrichter in der Weimarer Republik. Er ist Mitgründer des Republikanischen Richterbundes in Württemberg und wird Vorsitzender der Stuttgarter Ortsgruppe des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, einer überparteilichen Organisation zur Verteidigung der Weimarer Republik (1919-1933).
1933
Die Nationalsozialisten entlassen Bauer aus dem Justizdienst und internieren ihn im Konzentrationslager Heuberg. Dort trifft er auf den ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten Kurt Schumacher. Nach acht Monaten Haft wird Bauer Ende 1933 aus dem KZ entlassen.
1936
Bauer emigriert nach Dänemark. Die dänische Polizei verdächtigt ihn homosexueller Kontakte, observiert und verhört ihn diesbezüglich.
1940/41
Bauer wird nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen zweimal für kurze Zeit interniert. Danach taucht er unter und lebt über zwei Jahre in der Illegalität.
1943
4. Juni: In Kopenhagen heiratet Bauer die dänische Kindergärtnerin Anna Maria Petersen. Um den Deportationen in Dänemark lebender Juden durch die Nationalsozialisten zu entgehen, flieht Bauer am 13. Oktober mit seinen Angehörigen ins neutrale Schweden.
Er arbeitet für das wissenschaftliche Institut der Gewerkschaften und tritt mehreren politischen Gruppen bei: dem „Internationalen Wirtschaftspolitischen Arbeitskreis“, dem „Freien Deutschen Kulturbund“ und dem „Arbeitsausschuss deutscher antinazistischer Organisationen“.
Ein Stipendium des Stockholmer Sozialwissenschaftlichen Instituts sichert seine wirtschaftliche Existenz.
1944/45
In Stockholm gründet Bauer zusammen mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt die Zeitschrift „Sozialistische Tribüne“.
1945
Nach Kriegsende geht Bauer wieder nach Dänemark. Er möchte schnellstmöglich nach Deutschland zurückkehren und bietet sich bei der amerikanischen Besatzungsmacht für einen Posten im Staatsdienst an. Da er ihn nicht erhält, bleibt er weitere vier Jahre in Dänemark und arbeitet dort in der Preis- und Monopolabteilung des Handelsministeriums.
Dann wird er zur Bildungs- und Kulturarbeit in einen Flüchtlingsausschuss berufen, der bei der Entnazifizierung deutscher Flüchtlinge helfen soll. Außerdem arbeitet er bei der deutschsprachigen Zeitschrift „Deutsche Nachrichten“ in Kopenhagen.
1949
Bauer zieht zurück nach Braunschweig. Seine Ehefrau Anna Maria Petersen bleibt in Dänemark. Nach Gründung der Bundesrepublik tritt Bauer unter Vermittlung des damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher eine Stelle als Landgerichtsdirektor in Braunschweig an.
1950
Bauer steigt zum Generalstaatsanwalt am dortigen Oberlandesgericht auf.
1952
Internationales Aufsehen erregt Bauer als Staatsanwalt im Braunschweiger Prozess gegen den rechtsextremen Generalmajor a.D. Otto Ernst Remer. Dieser ist wegen übler Nachrede angeklagt, weil er die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg als „Hochverräter“ bezeichnet hat.
Bauer hält ein wegweisendes Plädoyer, in dem er argumentiert, dass die Widerständler ihren soldatischen Eid nicht gebrochen hätten, da ein Unrechtsstaat wie die NS-Diktatur „nicht hochverratsfähig“ sei. Dieser Argumentationsweise folgt das Gericht, Remer wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Dies markiert einen wichtigen Einschnitt in der Wahrnehmung des 20. Juli. Das Gericht bewertet das Handeln der Widerstandskämpfer als rechtmäßig, sie werden juristisch rehabilitiert.
Auch wenn große Teile der deutschen Gesellschaft weiterhin eine ambivalente Haltung zum NS-Widerstand haben, berichten die Medien nun positiver darüber. Auch Vertreter der Bundesrepublik würdigen ab diesem Zeitpunkt die Attentäter des 20. Juli, so z.B. Bundespräsident Theodor Heuss.
1954
Bauer ist Gründungsherausgeber der SPD-nahen Theoriezeitschrift "Die neue Gesellschaft“.
Ab 1956
Bauer wird zum hessischen Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main ernannt. Er setzt sich unermüdlich für die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen ein.
1957
Bauer veröffentlicht das damalige juristische Standardwerk "Das Verbrechen und die Gesellschaft".
1960/61
Bauer hat wesentlichen Anteil am Zustandekommen des 1961 in Jerusalem durchgeführten Eichmann-Prozesses. Erst nach Bauers Tod wird seine Beteiligung an der Ergreifung des untergetauchten NS-Verbrechers Adolf Eichmann, einem der Hauptverantwortlichen für die Organisation des Holocausts, bekannt. Bauer gibt einen Hinweis zum Aufenthaltsort Eichmanns an Felix Shinnar, Leiter der Israel-Mission in Köln weiter.
Später reist Bauer zu weiteren Besprechungen mit Regierungsvertretern und Geheimdienstlern des Mossad nach Israel. Eichmann wird schließlich in Argentinien entführt und in Israel vor Gericht gestellt.
1961
28. August: Bauer ist Mitgründer der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union. Er gibt die Schrift „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns" heraus.
1962
Oktober: In der sogenannten „Spiegel-Affäre“ ergreift Bauer in einem Artikel über den juristischen Begriff des "Landesverrats" indirekt Partei für das Nachrichtenmagazin.
1963-68
Als hessischer Generalstaatsanwalt ist Bauer maßgeblicher Initiator der Frankfurter Auschwitzprozesse gegen das SS-Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers. 1959 sorgt er dafür, dass dem Landgericht Frankfurt am Main die Zuständigkeit für alle dort begangenen Straftaten übertragen wird. Im ersten und größten Verfahren steuert Bauer die Anklageerhebung gegen 22 mutmaßliche NS-Täter.
Die meisten Angeklagten erhalten allerdings relativ milde Urteile wegen „Beihilfe zum Mord“. Bauer argumentiert, dass eine direkte Tatbeteiligung für eine Mordanklage nicht nachgewiesen werden müsse, falls es sich um eine industrialisierte Tötungsstätte handelt.
Erst viel später setzt sich diese Rechtsauffassung in der bundesdeutschen Rechtsprechung durch. Trotz der vergleichsweise milden Urteile, stößt dieser Prozess die öffentliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der Bundesrepublik nachhaltig an.
1965
Bauer eröffnet die Voruntersuchung für einen weiteren Prozess gegen NS-Juristen, die „Euthanasie“-Morde ermöglichten. Dieser Prozess sollte als exemplarischer Prozess gegen die in die Verbrechen verstrickte NS-Justiz fungieren. Durch Bauers frühen Tod 1968 findet dieser Prozess jedoch nie statt.
1966
Bauers neues Buch „Auf der Suche nach dem Recht" behandelt das Thema Wirtschaftsverbrechen.
1968
1. Juli: Fritz Bauer wird tot in seiner Badewanne in seiner Frankfurter Wohnung aufgefunden. Am Abend zuvor hat er Schlaftabletten und Alkohol eingenommen, was zu Herzversagen führt. Spekulationen, wonach Bauer Suizid begangen oder durch Fremdverschulden gestorben sein soll, können nicht bestätigt werden.
6. Juli: Auf Bauers offizieller Trauerversammlung in Frankfurt wird er von Robert M. W. Kempner, dem ehemaligen Anklagevertreter der Siegermächte bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, als „größter Botschafter, den die Bundesrepublik hatte“, gewürdigt.
1995
Das Land Hessen, die Stadt Frankfurt und der Förderverein „Fritz Bauer Institut e.V.“ gründen das „Fritz Bauer Institut“, ein Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.

© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland; Stand: 27.01.2017; Text: CC BY NC SA 4.0

Lesprobe aus dem Buch "Fritz Bauer - oder Auschwitz vor Gericht":

INHALT

Vorwort von Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts

  1. Der Deutsche, der Eichmann vor Gericht brachte: Sein Geheimnis
  2. Ein jüdisches Leben: Worüber der umstrittenste Jurist der Nachkriegszeit nie spricht
  3. Bildungsjahre 1921-1925: Die Talente erwachen
  4. Richter in der Weimarer Republik: Im Kampf gegen das aufziehende Unheil
  5. Konzentrationslagerund Exil bis 1949
  6. Die Rehabilitierung der Männer des 20. Juli: Sein Verdienst
  7. »Mörder unter uns«: Psychogramm Anklägers
  8. Der große Auschwitz-Prozess 1963-1965: Sein Hauptwerk
  9. Verteidigung des Privaten: Sein Dilemma
  10. Der Weg in die Einsamkeit: Seine Tragik
  11. Der Tote in der Badewanne 1968

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VORWORT

Mit Furchtlosigkeit und Beharrungsvermögen, mit Kampfesmut und einer schier unerschöpflichen Ausdauer stellte Fritz Bauer sein Leben in den Dienst der Humanität. Das leidenschaftliche Eintreten für eine im besten Sinne aufgeklärte Gesellschaft ist ein Leitmotiv seiner Biografie.

Dieses Leitmotiv ist erkennbar in seinem Einsatz für eine rationale Strafrechtspraxis, den er als junger Stuttgarter Richter zeigte. Präsent ist es auch in seiner hartnäckigen Verteidigung der Weimarer Republik als der ersten Demokratie auf deutschem Boden.

Vor allem aber zeugt von seiner Parteinahme für die Aufklärung jener Kampf, den er in den Anfangsjahren der Bundesrepublik aufhahm und von dem er bis zu seinem frühen Tod im Epochenjahr 1968 nicht wieder abließ: Als Chef der Anklagebehörden zunächst in Braunschweig, später in Frankfurt am Main machte Fritz Bauer die nationalsozialistische Willkürherrschaft zu einem Gegenwartsthema in der jungen Bundesrepublik.

Er zwang eine Gesellschaft zum Hinsehen, die weithin nicht willens war, ihre doch so offensichtlich gegenwärtige Vergangenheit in ihre Selbstbeschreibung einzuweben. Fritz Bauer führte die Bundesrepublik in die Auseinandersetzung mit einem zugleich bestürzenden und beschämenden Panorama des Unrechts.

Im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 fand der Kampf des Generalstaatsanwalts für die juristische Ausleuchtung der nationalsozialistischen deutschen Gesellschaft und die Ahndung ihrer Verbrechen seinen Höhepunkt.

Fortwährend sah sich Fritz Bauer Widerständen und Anfeindungen ausgesetzt. Er wurde ausgegrenzt, verfolgt und ins Exil gezwungen.

Bekannt mit Willy Brandt, Kurt Schumacher und Theodor W. Adorno, blieb ihm der Standpunkt des Außenseiters doch ein vertrauter Ort. Man kann ermessen, welche Kraftanstrengungen ihm dieses rastlose Leben abverlangt hat.

Obwohl auch publizistisch tätig, wirkte Fritz Bauer in erster Linie in seiner Rolle als praktischer Jurist. Am Beispiel seiner Biografie lassen sich deshalb Freiräume zum couragierten Handeln gerade der Juristin und des Juristen vermessen.

Alles Recht ist Menschenwerk, für seine Setzung, seinen Vollzug und seine Auslegung sind immer Menschen verantwortlich. Nie geschieht Recht von selbst. Stets ist es angewiesen auf Persönlichkeiten, die seine Verwirklichung zu ihrer Sache machen.

In einer Zeit, in der eine juristische Aufarbeitung des Nationalsozialismus allenfalls sporadisch erfolgte, zeigte Fritz Bauer, was mit den Mitteln des Rechts möglich sein kann. Besonders markant tritt Fritz Bauers Engagement durch und für das Recht hervor, kontrastiert man es mit einer in der damaligen Justiz weitverbreiteten Haltung.

Gekennzeichnet durch eine große personelle Kontinuität über die Zäsur von 1945 hinweg, gründete die bundesrepublikanische Nachkriegsjustiz ihre moralische Selbstentlastung auf die kommode Legende, ihr habe letztlich bloß ihre richterliche Tugend zum Nachteil gereicht.

Denn allein in ihrem treuen Gesetzesgehorsam, und damit völlig fremdbestimmt, sei sie der nationalsozialistischen Herrschaft verbunden gewesen. Ihre moralische Integrität sei darüber unbeeinträchtigt geblieben.

Nun sind die Bindungen, die das Gesetz dem Juristen auferlegt, diesem zwar eine alltägliche Erfahrung. Indessen veranschaulicht das Leben Fritz Bauers die Entfaltungsmöglichkeiten moralischer Freiheit gerade im Rahmenwerk des Rechts.

Hier zeigt sich, was mit Mut, mit argumentativem Scharfsinn und nicht zuletzt mit einem unermüdlichen Arbeitseifer juristisch erreicht werden kann. Es liegt deshalb auf der Hand, dass man Fritz Bauers Biografie Vorbildhaftes entnehmen kann und nicht zuletzt auch Maßstäbe für eine Kritik, die sich das professionelle Wirken von Juristinnen und Juristen als ihren Gegenstand nimmt.

Der Demokrat und Patriot Fritz Bauer hat an der deutschen Geschichte mitgeschrieben und sie zum Guten hin beeinflusst. Es sollte uns ein gemeinsames Anliegen sein, die Erinnerung an sein Leben festzuhalten und sein Verdienst in würdigem Andenken zu bewahren. Das vorliegende Buch leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.

Prof. Dr. Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
Karlsruhe, im Mai 2013

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DER DEUTSCHE, DER EICHMANN VOR GERICHT BRACHTE: SEIN GEHEIMNIS

Adolf Eichmann (Kriegsverbrecher)Die schwere Eichentür in der Frankfurter Gerichtsstraße gibt kaum einen Laut von sich, als der 27-jährige Michael Maor sie öffnet und unbemerkt in das dunkle Gebäude hineinschlüpft. Den Weg haben sie ihm vorher genau aufgezeichnet.

Rechts die steinerne Treppe hinauf, bis zum zweiten Stock, wo sich eine Fläche öffnet wie ein prunkvoller Vorplatz aus grünem Linoleum. Mondlicht scheint darauf.

Der Blick fällt auf eine einzelne weiße Tür, die sich wie auf einem Podest vom Rest des Stockwerks abhebt, links und rechts davon wachen Säulen aus Marmor, die in der Dunkelheit nicht rotbraun aussehen, sondern schwarz. Du kannst es gar nicht verfehlen, haben sie ihm gesagt.

Der Auftrag des israelischen Ex-Fallschirmspringers: Fotografiere die Akte, die links auf dem Tisch liegt. Der Tisch steht im Büro des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Es riecht nach Zigarren, die langen Gardinen sind zugezogen, an den Wänden hängt moderne Kunst.

Und links auf dem Schreibtisch, säuberlich getrennt, liegt ein Stapel. »Auf den Unterlagen prangten SS-Runen«, erinnert sich Maor, »und gleich auf dem ersten Blatt klebte das Foto eines Mannes in Uniform.« Es ist die Akte Adolf Eichmanns, des rasend ehrgeizigen Cheforganisators des Holocaust, der den millionenfachen Mord an den Juden bis ins kleinste bürokratische Detail geplant hat.

Adolf Eichmann während seines Prozesses in Jerusalem (1961)Nur wenige Wochen nach dem nächtlichen Einsatz, am Abend des 11. Mai i960, wird der israelische Geheimdienst Mossad den NS-Verbrecher in seinem Unterschlupf in Buenos Aires kidnappen, Eichmann wird betäubt und verkleidet in einer Uniform der Fluglinie El Al in der ersten Klasse eines Passagierflugzeugs nach Israel geflogen werden, es wird zu einem der bedeutendsten Strafprozesse des 20. Jahrhunderts kommen, zu einem prägenden Moment für die noch junge israelische Gesellschaft.

Aber die entscheidende Spur liegt in Frankfurt. Hier ist 1957 der Brief eingegangen, mit dem alles begonnen hat. Ein Mann namens Lothar Hermann, ein in Deutschland geborener Jude, der vor den Nazis nach Argentinien geflohen ist, schreibt darin, er habe entdeckt, dass Eichmann unter falschem Namen in einem Vorort von Buenos Aires lebe.

Ein Zufall hat ihn darauf gebracht: Seine Tochter hat sich ausgerechnet in den Sohn des Massenmörders verliebt.

Es gibt zu dieser Zeit noch kaum Stellen, an die sich der erschrockene Vater überhaupt wenden könnte: Die israelische Regierung konzentriert sich noch ganz auf die dringlichen Aufgaben der Landesverteidigung, die Amerikaner haben die Verantwortung für die Bestrafung von NS-Tätern unlängst an die Deutschen abgegeben, und in der deutschen Justiz sind viele Richter und Staatsanwälte selbst verstrickt. Nur in Frankfurt lässt der Generalstaatsanwalt bereits auf eigene Faust nach Eichmann fahnden.

Jener Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ist eine Ausnahmegestalt, deshalb bekannt bis hin nach Argentinien und Israel: ein Sozialdemokrat jüdischer Herkunft, der 1936 gerade noch fliehen konnte und nach 1945 ausgerechnet in den Zweig des deutschen Staatsdienstes zurückgekehrt ist, der am stärksten von braunen Seilschaften durchsetzt ist, in die Strafjustiz, um für die Bestrafung von NS-Verbrechern zu kämpfen.

Hierhin also hat Lothar Hermann die brisante Eichmann-Nachricht geschickt ...

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"Selektion" von ungarischen Juden an der Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz-II (Birkenau)

"Selektion" von ungarischen Juden an der Rampe des
Konzentrationslagers Auschwitz-II (Birkenau)


Rezension zum Buch "Fritz Bauer - oder Auschwitz vor Gericht":

MEHR ALS EINE BIOGRAFIE

"Fritz Bauer - oder Auschwitz vor Gericht" ist nicht nur die beeindruckende Biografie des Frankfurter Generalstaatsanwaltes, der hinter dem großen Auschwitz-Prozess von 1963 stand, sondern auch ein wichtiges Buch über die Geschichte der deutschen Justiz von etwa 1920 bis in die 1960er-Jahre.

Zunächst leuchtet der Autor, Ronen Steinke, die wesentlichen Stationen im Lebenslauf von Fritz Bauer gründlich aus - wie man das von einer guten Biografie erwarten kann.

Und an spannenden Stationen ist dieser Lebenslauf keinesfalls arm. Fritz Bauer studierte in Heidelberg, München und Tübingen Jura. Er schloß sich einer Studentenverbindung, der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung, an, der überwiegend Studenten jüdischen Glaubens angehörten. Schon während seines Studiums (1921 bis 1925) wurde Bauer mit dem nach dem ersten Ersten Weltkrieg aufkeimenden Antisemitismus konfrontiert.

Sehr wichtig war für mich das Kapitel über Bauers Jahre als Jugend- und Amtsrichter in Stuttgart. In diesem Abschnitt wird erstmals eine große Stärke des Buches deutlich. Der Autor beschränkt sich nicht allein darauf, Bauers wirken am Amtsgericht nachzuzeichnen. Sehr gut beschrieben wird hier die republikablehnende Haltung der Mehrzahl von älteren Richtern und Staatsanwälten, die ihre Ämter noch während des Kaiserreiches angetreten hatten.

Zunächst machte Bauer, obwohl Mitglieder der SPD und Jude und damit ein Außenseiter im damaligen Justizapparat, schnell Karriere; wurde schon mit 27 Jahren Amtsrichter. Davor war er als Jugendrichter tätig und konnte die kreativen Möglichkeiten des damals neuen Jugendstrafrechts ausloten.

Neben seinem Richteramt war Bauer engagierter Sozialdemokrat. Er gründete einen Landesverband des Republikanischen Richterbundes in Württemberg, war Vorsitzender des Reichsbanners in Stuttgart. Durch diese Betätigung geriet er früh in Konfrontation mit den Nazi. Vermutlich deshalb wurde er schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Amtsgericht verhaftet und in ein Konzentrationslager gesteckt.

Bauer ging dann nach Dänemark und Schweden ins Exil. In dieser Zeit war er sehr rege publizistisch tätig.

Bauers Exil dauerte bis 1949. Auch nach dem Ende der Nazi-Diktatur und obwohl in der SPD gut vernetzt, hatte es Fritz Bauer schwer, in Deutschland wieder in den Justizdienst zu kommen. Sogar seine Rückkehr nach Deutschland war schwierig. In einem Brief an den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher schrieb Bauer, dass selbst die amerikanischen Behörden offensichtlich eine öffentliche Tätigkeit von Juden in Deutschland für nicht opportun hielten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg distanzierte Bauer sich dann von seinem Judentum, bezeichnete sich als glaubenslos. Diesen Aspekt geht der Autor gründlich nach. Die Frage, ob Bauer als Sozialist auch Atheist war oder sich aus taktischen Gründen nicht mehr zu seinen jüdischen Glauben bekennen wollte, wird letztlich nicht zu klären sein.

Ronen Steinke zeigt allerdings auf, dass Fritz Bauer vor der Nazi-Zeit durchaus keine Scheu davor hatte, bei Veranstaltungen von jüdischen Organisationen Vorträge zu halten. Offensichtlich hatte die Ablehnung, die Bauer zunächst in den Jahren von 1945 bis 1949 erfahren hatte, einen Einfluss darauf, dass er sich bei seinem Weidereintritt in den Justizdienst der Bundesrepublik Deutschland als glaubenslos bezeichnete.

Bauer achtete gerade auch bei der Vorbereitung des großen Frankfurter Auschwitz Prozess sorgsam darauf, dass nicht der Eindruck entstand, dass er als Jude und früherer KZ-Insasse - und damit auch aus persönlicher Vergeltung heraus - Anklage erhob. Deshalb ist er zum einen dem Kontakt mit Zeugen aus dem Kreis der Auschwitz-Überlebenden ausgewichen; zum anderen hat er die Arbeit im Gerichtssaal jungen Staatsanwälten überlassen, die Ihr Studium erst nach dem Ende der Nazi-Diktatur aufgenommen haben.

Auch in den Abschnitten über die Ermittlungen gegen die NS-Täter und den Auschwitz-Prozess erfährt man sehr viel darüber, wie schwer sich die junge Bundesrepublik mit der strafrechtlichen Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts tat. Zum einen waren in der Regierung und Verwaltung an wesentlichen Stellen viele Beamte tätig, die schon während des Dritten Reiches in der Verantwortung waren. Zum anderen stand die Bevölkerung der Aufarbeitung entweder ablehnend oder gleichgültig gegenüber.

Fritz Bauer starb nach einem rastlosen und aufreibenden Leben noch vor Vollendung des 65. Lebensjahres.

Das Buch ist gut recherchiert und jederzeit gut lesbar. Es ist nicht nur für jene interessant, die sich über das Leben und Wirken von Fritz Bauer und für den Frankfurter Auschwitz-Prozess interessieren. Man erfährt auch sehr viel über den Justizapparat sowohl in der Spätphase der Weimarer Republik als auch in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb: klare Kaufempfehlung!

Quelle: Rezension bei Amazon


ZDF-History: Mörder unter uns -
Fritz Bauers einsamer Kampf (Doku)

Veröffentlicht am 19.08.2015; Dauer: 01:10:50

Hauke Harder bespricht Erlesenes. Das Buch liest sich wie ein poetisches modernes Märchen. So kommen auch neben der Prinzessin, Hexen und Ritter vor. Ein faszinierender Roman voller Menschlichkeit, Unmenschlichkeit und der kindlichen Kraft des Überlebens.


Der Staat gegen Fritz Bauer | Trailer [HD]

Veröffentlicht am 06.01.2017; Dauer: 00:01:57


Der Staat gegen Fritz Bauer -
Burghart Klaussner im Gespräch

Veröffentlicht am 28.09.2015; Dauer: 00:10:07

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